Early Russian Film Prose. Online Research Team Project.

Early Russian Film Prose. Online Research Team Project.

National Research University Higher School of Economics, 2018-2019.

Author
Clea Wanner
Keywords
Frühes Russisches Kino; Silbernes Zeitalter; Filmprosa; Drehbuch; Libretto; Datenbank; Archiv; Digital Humanities

„Early Russian Film Prose“/„Ранняя русская кинопроза”1 (Frühe Russische Filmprosa) ist keine der üblichen Filmdatenbanken, sie ist primär nicht den Filmen, sondern ihren Texten gewidmet: 874 sog. Librettos (kurze Beschreibungen der Filmsujets) sowie 32 Drehbücher aus dem russischen Kino von 1908-1917 sind versammelt. Das sind ungemein wertvolle Quellen für die Erforschung des frühen Kinos, angesichts der Tatsache, dass von den ungefähr 3000 Filmen des vorrevolutionären Kinos, wie die Periode auch oft genannt wird, weniger als 400 erhalten sind.

Entstanden aus einem einjährigen Forschungsprojekt von fast ausschließlich Studierenden der Vysšaja škola ėkonomiki (Higher School of Economics, HSE) in Moskau unter der Leitung von Anna Kovalova, ist die Online-Sammlung aber nicht nur für Filmwissenschaftler, sondern gerade auch für Philologen ein wichtiges Arbeitsinstrument. Erklärtes Ziel ist eine neue Typologie der frühen Filmprosa Filmprosa und eine Differenzierung ihrer Sprache und Rolle im Kontext des Silbernen Zeitalters. Ein wichtiger Ansatz, nahmen doch die Drehbuchautoren in der Frühzeit der Kinokultur eine besondere Stellung ein. Im Bestreben, das neue Medium Film an etablierte Künste anzuknüpfen, waren es neben den Theaterschauspielern gerade die Schriftsteller, die das Kino nobilitieren sollen. Nicht zuletzt war die Filmprosa auch ein interessantes Versuchsfeld für anerkannte Schriftsteller wie Leonid Andreev oder Bestseller-Autorinnen wie Anastasija Verbickaja, als auch ein interessantes Nischengenre für junge Frauen, wie etwa Anna Mar oder Zoja Barancevič, die damit einen kreativen Beruf in der Filmindustrie gefunden haben.

Nachschlagewerke, die zu den filmographischen Daten auch Librettos anführen, existieren bereits (Ivanova et al. 2002 und Semerčuk 2013) und werden in der Forschung zum frühen Film rege benutzt. Dabei handelt es sich aber um eine Auswahl von ausschließlich (teils fragmentarisch) erhaltenen Filmen aus dem Gosfil’mofond, dem Staatlichen Filmarchiv in Moskau, das seit kurzem auch einen Online-Katalog, inkl. Annotationen zu den Filmen des Archivs, bereithält. Für eine breitere Auswahl von solch frühen Kinotexten gibt es die üblichen Anlaufstellen des Internets wie Wikipedia oder im Falle des russischen Kinos die Website „Kino-teatr“ (Timofeeva 2006-2019), die zwar eine erstaunlich umfassende Datenmenge aufweist, aber wie bei allen partizipativen Internetangeboten einer gewissen Fehlerquote unterliegt und bibliographische Angaben vernachlässigt.

Die Quellensuche führt einen daher oft in die Lesesäle der russischen Bibliotheken, wo man, mit der einschlägigen Filmographie von Veniamin Višnevskij (1945) ausgerüstet, die zeitgenössischen Filmzeitschriften nach den Librettos durchforstet.2 Diese zeitintensive Arbeit hat das Forschungsprojekt auf sich genommen und achtzehn Zeitschriften ‚abgearbeitet’: dazu gehören die zentralen und einflussreichsten Periodika wie etwa Vestnik kinematografii (1911-1917) oder Sine-Fono (1907-1918) aus Moskau, als auch die oft in der Forschung marginalisierten Fachblätter der Peripherie, z.B. aus Riga (Kino, 1915) oder Char’kov (Južanin, 1915-1916). Dies ist eine repräsentative Basis, die, so der Plan, laufend ergänzt werden soll.

Die Projektseite ist in die universitäre Homepage der HSE eingebunden und verfügt neben der Datenbank über weitere Kategorien, wie z.B. einen Newskanal oder ein Arbeitsjournal der Gruppe. Die Webseite ist zweisprachig, russisch und englisch, angelegt, während die Hauptquellen, also die Librettos und Drehbücher, nur in der Originalsprache Russisch publiziert sind. Beachtenswert sind daher die Arbeitsjournale, in denen thematisch ausgerichtete Zwischenresultate, wie z.B. zur Rolle der ‘Neuen Frau’ oder ‘Weltliteratur’, gemeinsam mit den verwendeten Primärquellen zweisprachig versammelt sind; dabei ist die sorgfältige Übersetzungsarbeit des Slavisten Julian Graffy, Verfasser von mehreren Studien zum literarischen Erbe im Film (vgl. Graffy 2011), besonders zu erwähnen.

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Screenshot Webseite „Early Russian Film Prose”

Über die seitliche Navigationsstruktur gelangt man schließlich auch zur eigentlichen Datenbank. Die Librettos sind nach Jahrgang aufgeteilt und auf der jeweiligen Unterseite alphabetisch geordnet. Wer nach einem konkreten Titel sucht, wird trotz fehlender Suchfunktion schnell fündig. Da es sich aber mehrheitlich um eher unbekannte Filme handelt, wäre eine erweiterte ‚Suche’ nach Kategorien wie Autor, Produktion oder Genre durchaus sinnvoll. Beachtenswert sind die detaillierten Informationen zu den Texten: alternative Distributionstitel der Filme (eine gängige Praxis der Zeit), Akte, also technisch gesehen Filmrollen, auf die sich die Librettos beziehen, sowie die verschiedenen Quellen des jeweiligen Librettos werden gewissenhaft nachgewiesen.

Am unteren Rand der Einstiegsseite der Datenbank liegt der Link zu den Drehbüchern leider etwas versteckt, handelt es sich doch bei den 32 Drehbüchern aus den Jahren 1913-1917 um eine äußerst wertvolle Sammlung. Die eher kurze Liste ist mit der im Gegensatz zu den Librettos sehr aufwändigen Recherche und Bearbeitung zu erklären. Neben den in der Zeitschrift Pegas (1915-16) publizierten Texten stammen nämlich fast alle Drehbücher aus Archiven, dem Staatlichen Literatur- und Kunstarchiv Russlands (RGALI), dem Handschriftenarchiv der Russischen Nationalbibliothek (RNB) und dem Staatlichen Filmarchiv (GFF). Konsequenterweise wurden in der Abschrift auch die Anmerkungen der Verfasser übernommen, die, wie die Fallstudie zum Film Smert’ bogov/Der Tod der Götter (Kas’janov 1916) vorführt, für die Analyse besonders aufschlussreich sein können:In der Analyse des Drehbuchs, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Dmitrij Merežkovskij, werden etwa die Bearbeitung der Zwischentitel sowie die Modifizierung der Erzählstruktur in eine sechsteilige zirkuläre Komposition offensichtlich. Die Untersuchung der bisher der Forschung unbekannten Quellen aus dem Familienarchiv von Vladimir Kas’janov zeigt die intensive Auseinandersetzung des Drehbuchautors und Regisseurs mit der literarischen Vorlage und seiner medialen Übertragung, und ermöglicht somit auch eine erweiterte Perspektive auf die Anfänge der ‚Literaturverfilmung’ als filmisches Genre, das die frühe russische sowie später sowjetische Filmgeschichte besonders prägte (vgl. u.a. Hutchings, Vernitski 2005).

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Drehbuch zu Smert’ bogov / Der Tod der Götter (1916)

In der sorgfältigen und professionellen Aufbereitung der Texte zeigt sich die Expertise der Leiterin der Forschungsgruppe und Redaktorin der Datenbank. Anna Kovalova, Philologin und Filmhistorikerin, führt den methodischen Ansatz einer ganzheitlichen Kontextbetrachtung des frühen Kinos bekannt aus Tsivian (1994) und Kovalova (2011 und 2012) auch hier fort. In mehreren während des Forschungsprojektes entstandenen Publikationen zeigt Kovalova, wie die Zeitschriftenauswertung und Textanalyse äusserst produktiv in die Untersuchung der frühen Kinogeschichte miteinbezogen werden können. So auch in einem erst kürzlich erschienenen Artikel (Kovalova 2019), der auf der Grundlage einer Reihe von Bild- und Schriftquellen den historischen und künstlerischen Kontext des verschollenen Films Portret Doriana Greja/Das Bildnis des Dorian Gray (1915) von Vsevolod Mejerhol’d analysiert und somit eine Neuinterpretation des Filmdebüts des bekannten Theaterregisseurs der Avantgarde erlaubt.