Richard Wortman: <i>Visual Texts, Ceremonial Texts, Texts of Exploration: Collected Articles on the Representation of Russian Monarchy</i>

Richard Wortman: Visual Texts, Ceremonial Texts, Texts of Exploration: Collected Articles on the Representation of Russian Monarchy

Brighton, MA: Academic Studies Press, 2014, ISBN 9781618113474, 442 pp.

Author
Florian Olbrich
Keywords
Richard Wortman; Clifford Geertz; Kultursemiotik; Jurij Lotman; Russland; Russisches Kaiserreich; Moskau-Tartu Schule der Semiotik; Monarchie, Repräsentation.

Seit den 1960er Jahren hat sich Richard Wortman mit einer Vielzahl von Rezensionen, Aufsätzen und nicht zuletzt einigen umfangreichen Studien als Spezialist des zaristischen Russlands hervorgetan. 1967 erschien die Monografie The Crisis of Russian Populism, basierend auf seiner Dissertation, 1976 mit The Development of a Russian Legal Consciousness eine Untersuchung des aufgehenden russischen Rechtssystems unter Zar Nikolaus I.. Im Zuge der Recherche jener Arbeit begann sich Wortman verstärkt mit der Zarenfamilie und ihrem direkten Umfeld zu beschäftigen. Für ihn ein Schlüssel zum besseren Verständnis der russischen Monarchie. Ab 1977 war Wortman in Princeton tätig, Ende der 1980er Jahre wechselte der heute emeritierte Russlandforscher und Historiker schließlich an die New Yorker Columbia University, wo er auf dem Gebiet der Europäischen Rechtsgeschichte arbeitete.

Mit den 1995 und 2000 erschienenen Bänden Scenarios of Power: Myth and Ceremony in Russian Monarchy1 manifestierte sich eine Interessenfokussierung in Wortmans Werk, die sich bereits Ende der 1970er Jahre angedeutet hatte2: anstatt singuläre politische, diplomatische oder institutionelle Vorgänge unter den verschiedenen Zaren zu erforschen, konzentrierte er sich fortan auf die “symbolischen Sphären der monarchischen Kultur” (Wortman 2008: 40). Mit dem titelgebenden Terminus “scenarios” beschreibt Wortman Narrative, in die sich jeder Zar zu Beginn seiner Herrschaft einschrieb, Mythen und Legenden, die den Autokraten einreihten in die jahrhundertealte Tradition der Dynastie, die selbst wiederum zum Erbe des Römischen und Byzantinischen Reichs stilisiert wurde. Indem die “scenarios” den Zaren in einen heroischen und metaphysischen Kontext setzten, trugen sie zur Sakralisierung und somit wesentlich zur Legitimation der Autokratie bei. Wortman folgt in dieser Erkenntnis Max Weber, für den der Mythos ein Mittel der Regenten ist ihre Dominanz gegenüber den Untertanen zu rechtfertigen (ibid.: 40). Das, was viele seiner Historiker-Kollegen als bloßes Ornament der Monarchie betrachten, versteht Wortman als wesentliches Element autokratischer Herrschaft:

Machtausübung und Repräsentation bedingten in Russland einander: Durch uneingeschränkte Herrschaft konnte das Bild des transzendenten Monarchen geschaffen und stabilisiert werden – und dieses wiederum garantierte jene Machtausübung ohne Schranken (ibid.: 42).

Die “scenarios” illustrierten gleichzeitig die Ansprüche und Ziele einer jeden Herrschaftsperiode (Wortman 2014: 17). Die Beschäftigung mit imperialer Repräsentation ist also durchaus hilfreich, um einen tieferen Einblick in die allgemeine Struktur und das Wesen der russischen Monarchie zu bekommen. Ferner ermöglicht diese Arbeitsweise Wortman seinen Untersuchungsgegenstand einerseits thematisch einzuengen und gleichzeitig ein Panorama des russischen Zarenreichs vom 18. Jahrhundert bis ins frühe 20. Jahrhundert zu entfalten.

Inhaltlich und methodisch knüpft Wortmans aktuelle Publikation, die Artikelsammlung Visual Texts, Ceremonial Texts, Texts of Exploration: Collected Articles on the Representation of Russian Monarchy, daran an. Die titelgebenden “texts”, die Wortman hier untersucht, sind eng verknüpft mit seinem Begriff des “scenarios”. In der Einleitung heißt es: “Articles in this volume focus on such texts as artifacts of a monarchical culture: explicit and unequivocal statements of political truths that set the tone and established the goals of each reign in narratives I have termed ‘scenarios’” (Wortman 2014: 17). Die “Texte”, von denen Wortman spricht, können demnach quasi als Katalysatoren der “scenarios” verstanden werden. Das lässt jedoch noch die Frage unbeantwortet, was Wortman konkret unter einem Text versteht, schließlich spricht er im Titel von “visual” und “ceremonial texts” sowie “texts of exploration”. Diese Listung verschiedenartiger Texte suggeriert zunächst einen verallgemeinerten Textbegriff, der sich nicht bloß auf eine mündliche oder geschriebene sprachliche Äußerung bezieht, ein Konzept, das vornehmlich mit dem Feld der Semiotik in Verbindung gebracht wird (Posner 1994: 21 ff.) In der wissenschaftlichen Praxis finden sich Ansätze wie diese beispielsweise in den ethnologischen Studien Clifford Geertz' oder Arbeiten der sowjetischen Kultursemiotiker der Moskauer-Tartu Schule wieder. Sowohl auf Geertz als auch die Kultursemiotiker, vor allem Jurij Lotman, Boris Uspenskij und Viktor Živov, verweist Wortman mehrfach als wichtige Impulsgeber für seine eigene Arbeit.3 Zunächst soll daher Wortmans Textbegriff genauer beleuchtet und auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu den genannten Vorbildern untersucht werden.

In seiner Einleitung “Texts of Representation” definiert Wortman zunächst die “ceremonial texts”, denen das erste Kapitel des fünfteiligen Buches gewidmet ist wie folgt: “Ceremonial texts – program books, later accounts in newspapers and illustrated journals – presented the events of the court in accounts that may or may not have corresponded to their actual performance and defined their meaning” (Wortman 2014: 18). “Texts” scheint sich in diesem Zusammenhang tatsächlich auf Texte oder zumindest textbasierte Medien im konventionellen Sinne zu beziehen. Daneben bezeichnet er gleichermaßen Malerei und Architektur als Texte und fügt erklärend hinzu: “For the historian, this complex of texts gives a sense of the verbal and visual universe of Russian monarchy and how its rulers envisioned the potentialities of the Russian state” (ibid.: 18). Diese Erkenntnis ist essenziell für Wortmans Arbeit und soll daher durch einige Beispiele von Zaren und ihren Texten illustriert werden.

Ausgangspunkt für Wortmans intensive “Textanalyse” waren eigenen Angaben nach die Krönungsalben, auf die er Mitte der achtziger Jahre aufmerksam wurde. Sie sind ein Musterbeispiel für die sogenannten “ceremonial texts”. Bei den Krönungsalben handelt es sich um offizielle Bände, illustriert mit Gravuren und Lithografien, die erstmals 1724 anlässlich der Krönung Katharina I. herausgegeben wurden (ibid.: 3). Das Geschriebene in den Krönungsalben bezog sich meist unmittelbar auf das Dargestellte in den Bildern und erklärte seine Bedeutung. Gezeigt wurden sowohl die sakralen Riten, als auch die säkularen Feierlichkeiten, die Peter erstmals in den Krönungsakt integriert hatte. Während erstere über die Jahrhunderte nahezu unverändert blieben, wurden die Abläufe, die das religiöse Zeremoniell begleiteten, immer wieder neu interpretiert und mit anderen Bedeutungen aufgeladen (ibid.: 3).

Als Vorbild für die russischen Krönungsalben fungierte mutmaßlich der bebilderte Bericht der Krönung Ludwig XV. 1723 in Paris (ibid.: 6). Nicht nur die Idee eines Krönungsalbums nahm Peter I. aus dem Westen, auch die Inhalte der Krönungszeremonie Katharinas entsprachen seiner Linie der Europäisierung Russlands. So ersetzte er die Mütze des Monomach, eine Insignie, die seit dem 14. Jahrhundert Bestandteil des Krönungszeremoniells der Großfürsten von Moskau und der Zaren gewesen war, durch eine europäische Krone samt Mantel. Diese und andere Innovationen fanden in den Krönungsalben ihre Manifestation und wurden in der Folge etabliert und verbreitet.

Erstmals anlässlich von Elisabeths Krönung 1744 wurde neben einer russischen auch eine französische und deutsche Version (jeweils dreihundert Stück) herausgebracht und unter europäischen Königshäusern und Aristokraten verteilt. Generell waren die Krönungsalben eine exklusive Publikation, die nicht der Masse, sondern den Eliten galt. Am Beispiel von Alexander II. zeigt Wortman, dass es bei der Verbreitung von Krönungsalben im Ausland vor allem darum ging, die Verbundenheit und Nähe der europäischen Monarchie und Aristokratie zu demonstrieren - insbesondere in Zeiten, da Russland außenpolitisch isoliert war (ibid.).

Durch die Auseinandersetzung der Krönungsalben als Beispiel für “ceremonial texts” wird auch die stabilisierende und legitimierende Absicht deutlich, die Richard Wortman der imperialen Repräsentation zuschreibt: ein wesentlicher Grund Peters für die Veröffentlichung des ersten Krönungsalbums war die Rechtfertigung der Krönung seiner Frau zur Kaiserin, ein Novum in der russischen Geschichte (ibid.: 6).

Einen besonderen Fall von “ceremonial texts” illustriert Wortman am Beispiel von Nikolaus II. in seinem Artikel “Publicizing the Imperial Image in 1913”. In Zeiten von Massenmedien und Massenproduktion vergrößerte sich die Reichweite der Texte des Zaren erheblich. Fotografische und filmische Aufnahmen verhalfen dem Zaren zu einer erhöhten Sichtbarkeit. Insbesondere das noch junge Medium Film bot Nikolaus die Möglichkeit, Paraden, Zeremonien und Jubiläen nachhaltig zu konservieren und die Traditionen der Dynastie wahrhaft wiederzubeleben. Beim zweihundertjährigen Jubiläum der Schlacht von Poltawa im Jahr 1909 begleiteten letztlich sieben Filmteams die Feierlichkeiten (Belyakov 1995: 1). Durch Zeitungsmeldungen und seinem Antlitz auf Briefmarken wurde der Autokrat zunehmend Teil des Alltags der breiten Bevölkerung. Dass diese Verbindung mit dem Alltäglichen mit dem Image des über allem erhabenen, sakralen Herrschers in Konflikt geriet, zeichnet Wortman anschaulich nach. Im Falle der Briefmarken etwa, die den Zaren oder dessen Familie zeigten, weigerten sich Beamte, die besonders religiös oder der Monarchie ergeben waren, die Marken abzustempeln, weil dies in ihren Augen einer Entweihung gleichgekommen wäre (Wortman 2014: 75).

Im zweiten Teil des Buches untersucht Wortman die Zusammenhänge zwischen den sogenannten “artistic texts” und den applizierten Mythen der Zaren. Als “artistic texts” fungieren bei Wortman in erster Linie visuelle Medien wie Architektur und Malerei. Hier nähert er sich der Problematik einer genuin russischen Ästhetik, die unter Nikolaus I. an Dringlichkeit gewann. Die Idee war, die russische Monarchie als Ausdruck russischer Kultur zu zeigen (ibid.: 101). An anderer Stelle stellt Wortman umfassend die sogenannten “lubki” (von “lubok”) als eine Variation von “artistic texts” vor.4

Die letzte Textkategorie, der sich Wortman annimmt, sind die sogenannten “texts of exploration”. Sie entstanden im Rahmen von Expeditionen in bis dahin weitgehend unerforschte Gebiete. Wie so vieles in den von Wortman versammelten Artikeln, nahm auch diese Facette russischer Repräsentationspolitik unter Peter I. ihren Anfang. Die Forschungsreisen sollten den Geist des neuen aufgeklärten und verwestlichten Russlands widerspiegeln. Bereits im späten 17. Jahrhundert hatten westliche Forschungsreisende auf der Suche nach einem Zugang nach China damit begonnen, Sibirien zu erforschen. Peter beteiligte sich zunächst erfolglos an ähnlichen Bemühungen. Kurz vor seinem Ableben betraute er schließlich Vitus Bering damit herauszufinden, ob eine Landverbindung zwischen Asien und Nordamerika bestünde (Wortman 2014: 254). Parallel zu Berings zweiter Expedition war eine andere Forschungsgruppe damit beauftragt, Sibirien ausgiebig zu erkunden. Ergebnis dessen war ein umfangreicher Bericht über die dortige Tier- und Pflanzenwelt, die geografischen Bedingungen, die Bevölkerung und ihre Sprachen (ibid.: 254).

Dokumente wie diese meint Wortman, wenn er von “texts of exploration” spricht. Sie halfen im 18. Jahrhundert maßgeblich dabei, das Bild des neuen europäischen Russlands zu prägen, indem die schriftlichen Berichte übersetzt und im europäischen Ausland veröffentlicht wurden (ibid.: 255). Zugleich verweist Wortman auf die Paradoxie, dass sich Russland an europäischen Expeditionen auf eigenem Territorium beteiligte. Im Rahmen dessen wurde Sibirien zur Kolonie erklärt und in den 1730er der Ural zur Grenze zwischen Europa und Asien. Obwohl oftmals ausländische Wissenschaftler die Forschungsreisen leiteten, wurde explizit von russischen Expeditionen gesprochen, selbst der Däne Bering wurde als erster Seefahrer des Russischen Reiches bezeichnet (ibid.).

Durch die Betrachtung der angeführten Beispiele zeigt sich eindrücklich, dass Wortmans Textbegriff eine Vielzahl verschiedenartiger Formen unter sich versammelt. Ein Charakteristikum eint jedoch die diversen Texte in den vorliegenden Artikeln: alle sind sie an einen materiellen Träger gebunden, der verbal oder visuell seine Inhalte kommuniziert. Somit lässt sich Wortmans Texbgeriff mit einem, zumindest aus heutiger Sicht, erweiterten Medienbegriff vergleichen. Denn letztlich ist dies genau das, womit sich Wortmans Artikel befassen: der medialen Repräsentation des Zarenhofs. Die Texte fungieren als Vermittler zwischen Realität und gewünschter Wahrnehmung. Die Ereignisse hingegen, also die Zeremonien, Feiern oder Expeditionen, auf welche Wortmans Texte sich beziehen, ergeben für den Autor jedoch keinen zusammenhängenden Text. Dennoch können verschiedenartige Texte dazu beitragen, die Wort- und Bildkultur des Zarenreichs zu rekonstruieren. Dadurch ergibt sich ein deutbares Gesamtkonstrukt. Hieran lässt sich der angesprochene Einfluss von Clifford Geertz erkennen. Im letzten Teil, “Afterthoughts and Remembrances”, des hier besprochenen Werkes Wortmans, äußert sich der Autor im Aufsatz “Thought, Culture, and Power: Reflections of a Russianist” dementsprechend zu Geertz als Inspiration seiner eigenen Arbeit: “In particular, he showed how ritual could be read to understand the mental world of a monarchy” (Wortman 2014: 366). Eine Aussage, die, wenn nicht auf einen ähnlichen Textbegriff, auf ein vergleichbares Textverständnis schließen lässt.

Geertz’ wissenschaftliche Praxis, die er auf die Erforschung der Kulturen Javas, Balis oder Marokkos anwandte, stellte sich als fruchtbare Grundlage für Wortmans Betätigungsfeld heraus. Beeinflusst von Max Weber, entwickelte Geertz einen semiotischen Kulturbegriff, der ihm das Instrumentarium für diese ethnologische Feldforschung lieferte. Er betrachtet Kultur als ein vom Menschen gesponnenes Gewebe. Für dessen Untersuchung, so Geertz, brauche es “keine experimentelle Wissenschaft, die nach Gesetzen sucht, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen sucht” (Geertz 1983: 9). Dies beinhaltet eine Zurhilfenahme hermeneutischer Methoden und der dafür notwendigen Übersetzung kultureller Praktiken in einen zu deutenden Text (Schößler 2006: 169). Dieses Verfahren wird, Geertz nach, dadurch möglich, dass es sich bei Kultur um ein sinnstiftendes Element des menschlichen Lebens handelt, das Strukturen, also kulturelle Texte hervorbringt. Das, was es zu interpretieren gilt, ist demnach selbst bereits Interpretation (Schößler 2006: 169): “Der Ethnologe interpretiert diese Interpretationen, nimmt also eine zweite Lektüre vor, die nicht auf Einfühlung basieren darf, […] sondern auf Symbolanalysen” (Schößler 2006: 169). Für diese Symbolanalyse bedient sich Geertz einer Praktik, die angelehnt ist an Wilhelm Diltheys hermeneutischen Zirkel. Die Betrachtung des einzelnen Bestandteils ist im permanenten Zusammenspiel mit der Betrachtung der Gesamtheit der Teile (Geertz 1983: 307).

Ausgehend von dieser Idee, entwickelt Geertz sein Verfahren der „dichten Beschreibung“ (“thick description”), ein Begriff, den er vom britischen Philosophen Gilbert Ryle übernommen hatte. Die dichte Beschreibung bedeutet in erster Linie die Kontextualisierung eines Zeichens in seinen kulturellen Zusammenhang, “also das Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen […] und das Bestimmen ihrer gesellschaftlichen Grundlage und Tragweite” (Geertz 1983: 15). Die Arbeit des Ethnographen ist folglich nicht bloßes Beobachten, sprich Empirie, sondern das Zusammensetzen, Verstehen und Deuten mehrerer Sinnebenen.

In dem hier zitierten Aufsatz “Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur” findet sich auch eine Definition des Geertz'schen Kulturbegriffs, der in Bezug auf Wortmans Arbeit von Bedeutung ist:

Als ineinandergreifende Systeme auslegbarer Zeichen5 ist Kultur keine Instanz, der gesellschaftliche Ereignisse, Verhaltensweisen, Institutionen oder Prozesse kausal zugeordnet werden könnten. Sie ist ein Kontext, ein Rahmen, in dem sie verständlich – nämlich dicht – beschreibbar sind (Geertz 1983: 21).

Aufgabe des Ethnographen ist es demnach die einzelnen Zeichen zusammenzufügen um damit Kultur in einen lesbaren (Kon)text zu übersetzen.

Einem ähnlichen Schema folgt auch Wortman. Bei Betrachtung der Anordnung seiner Artikel in Visual Texts, Ceremonial Texts, Texts of Exploration etwa, fällt auf, dass er seinen Beitrag zu den Krönungsalben seinem Abriss über die zaristischen Zeremonien und Rituale vorangestellt hat. Dieser Umstand steht symbolisch für Wortmans Verfahrensweise. Über die Analyse von historischen Dokumenten vergegenwärtigt er die Abläufe offizieller Zeremonien und ritueller Akte. Von den Krönungsalben etwa schließt er auf die “scenarios” und schließlich von diesen auf die monarchische Geisteswelt im Ganzen. Somit bedient sich Wortmans Verfahren ebenso wie Geertz', des hermeneutischen Zirkels: die singulären Teile werden ständig in Bezug zum Gesamtkontext gesetzt und andersherum. So entsteht auch bei Wortman eine lesbare Kultur, gewissermaßen ein kohärenter Text.

Ein entscheidender Unterschied zwischen beiden Konzepten besteht darin, dass Wortman den Einzelteilen um ein vielfaches mehr Raum in seinen Studien überlässt. Dies ist vor allem durch einen unterschiedlichen Schwerpunkt des Textbegriffs begründet. Der Geertz'schen Auslegung nach, wären kulturelle Erscheinungen wie die Rituale und Zeremonien der Zaren oder die imperiale Repräsentation im Allgemeinen das Produkt von zusammenhängenden Zeichen beziehungsweise Symbolen, somit Text. Auch Wortman liest diese repräsentativen und rituellen Äußerungen gewissermaßen als Text, mit dem Unterschied, dass dieses Textganze in der wortmann'schen Terminologie nicht aus der Summe von Zeichen und Symbolen, sondern weiteren Texten besteht. Für Wortman stellt sich somit die monarchische Kultur als Textgeflecht, oder wie eingangs zitiert wurde, als “complex of texts” dar. Um eine genauere Vorstellung dieser spezifischen Begrifflichkeit Wortmans zu erhalten, empfiehlt es sich die Rolle der bereits erwähnten sowjetischen Kultursemiotiker als dessen Einfluss, zu ergründen.

Die Anfänge der Kultursemiotik werden in der Forschung auf die späten 60er Jahre datiert. In der Einleitung der vierten Sommerschule 1970 wurde schließlich ausdrücklich zur Entwicklung einer solchen Kultursemiotik aufgerufen (Fleischer 1989: 115). Einer der wegweisenden Beiträge stammt allerdings bereits aus der vorigen Sommerschule im Jahr 1968, in deren Fokus die Begriffe “Text” und “Kultur” standen (Fleischer 1989: 111).

Der Aufsatz “Text and Function” von Jurij Lotman und Aleksandr Pjatigorskij verhandelt die beiden titelgebenden Begriffe als konstitutive Elemente von Kultur. Die Funktion wird als die soziale Rolle eines Textes definiert, das heißt die Qualität bestimmte Anliegen der Gemeinschaft, die den Text hervorgebracht hat, zu erfüllen (Lotman/Piatigorsky 1978: 233). Bezüglich des Textbegriffs wird die Trennung von linguistischen Äußerungen deutlich gemacht: “The point of departure for the cultural concept of text is precisely that moment when the fact of linguistic expression ceases to be perceived as sufficient for the utterance to become a text” (ibid.: 234). Sprachliche Aussagen sind im Verständnis der beiden Autoren demnach nicht automatisch Texte, Botschaften hingegen, die “es wert sind” aufgeschrieben zu werden, sind es zwangsläufig (ibid.). Lotman und Pjatigorskij leiten aus dem Nexus von Text und Funktion zwei mögliche Kulturbegriffe ab. Zum einen sei Kultur als Summe von Texten vorstellbar, wobei die Funktion als Metatext des Textes fungieren würde. Die andere Möglichkeit wäre Kultur als Summe von Funktionen, in dem Fall wäre der Text von letzteren abgeleitet (Fleischer 1989: 112).

Die zweite wesentliche Unterteilung ist die in Text und Nicht-Text, wobei Ersterer in Ergänzung zu Letzterem existiert (Lotman/Piatigorsky 1978: 235). Der Kultursemiotiker interessiert sich jedoch nur für die Botschaften und Äußerungen, die Text sind, alles andere ist für ihn nicht relevant. Daraus folgern die Autoren die Annahme, Kultur sei eine “Totalität von Texten” oder ein “komplex konstruierter Text” (ibid.: 237).6 Diese Terminologie weckt Erinnerungen an Wortmans “complex of texts”. Zugleich muss betont werden, dass Wortman in der vorliegenden Artikelsammlung dem kultursemiotischen Postulat, allen Nicht-Texten keine Beachtung zu schenken, eindeutig nicht nachkommt. Dafür ist der wortmann'sche Textbegriff viel zu eng gefasst, als dass er seine Forschung allein auf der Untersuchung von Texten fußen könnte – an dieser Stelle sei nochmals auf das materielle Moment dieser Begrifflichkeit Wortmans verwiesen. Der Textbegriff von Lotman und Pjatigorskij ist hingegen weitaus unbestimmter, was sich insbesondere an der vagen Eingrenzung von Text und Nicht-Text zeigt.

Ob dieser oder jener vorliegt, wird laut “Text and Function” vor allem von äußeren Faktoren determiniert: als ein Beispiel wird ein Gedicht angeführt, das in der Wissenschaft als Nicht-Text in der Kunst als Text aufgefasst wird (Fleischer 1989: 112). Auch kann der Sprecher zwecks seiner Autorität, die er innerhalb seines kulturellen Zusammenhangs besitzt, eine Äußerung zu einem Text werden lassen (Lotman/Piatigorsky 1978: 237). Genauso ist mitunter die Rolle des Rezipienten entscheidend bei der Statusfrage, etwa wenn fremde Kulturen von einem Außenstehenden oder vergangene Epochen aus gegenwärtiger Sicht studiert werden (ibid.). Es wird deutlich, dass der Text bei Lotman und Pjatigorskij keineswegs etwas Statisches ist, stattdessen ist er ständig potenzieller Interpretation von Dritten ausgesetzt. Wenngleich zu Beginn des Aufsatzes auf die sprachliche und schriftliche Basis des Textbegriffes verwiesen wurde, kann als Text im Sinne von Pjatigorskij und Lotman de facto alles innerhalb einer Kultur dienen.

Wie schon im Vergleich zu Geertz, zeigt sich auch in der Gegenüberstellung mit Lotman und Pjatigorskij, dass Richard Wortmans Textbegriff weitaus weniger metaphorisch zu begreifen ist. Demnach lässt er sich nicht als dezidiert semiotisch beschreiben. Dennoch scheint die prinzipielle Idee eine Kultur als Text zu lesen starken Einfluss auf ihn gehabt zu haben, die Theorien dahinter werden von ihm jedoch weitgehend ausgelassen oder vereinfacht neu interpretiert. Dies belegen allein einige Aussagen Wortmans, die sich in der bereits angesprochenen Rezension von Nekljudov finden. Dort hebt er unter anderem die Bedeutung von Lotmans und Pjatigorskij Aufsatz als Grundlage für die Kultursemiotik hervor:

The focus of the scholar shifted from language and the theory of semiotic systems, to texts, as semiotic expressions of that culture. The theses Piatigorskii delivered with Lotman at the 1968 summer school, published under the title 'Text and Function', introduced the notion of a 'text of culture' (Wortman 2014: 382).

Auf die theoretischen Inhalte des Aufsatzes geht er nicht weiter ein. Stattdessen arbeitet er daraufhin insbesondere den positiven Effekt heraus, den dieser neue Ansatz für die Erforschung russischer Geschichte in der Sowjetunion hatte. Dass dies überhaupt möglich war, führt er zum einen auf den Standort Tartu zurück, der als vergleichsweise liberal galt, zum anderen auf den Umstand, dass die sowjetischen Sprach- und Literaturwissenschaften weniger den Restriktionen der marxistisch-leninistischen Ideologie unterlagen, als die Historiker (Wortman 2008: 44 f.).

Er zitiert Pjatigorskij, der in seinen Memoiren die Entstehung der Kultursemiotik als unmittelbare Konsequenz der russischen Kultur beschreibt (Wortman 2014: 382). Wortman erläutert dies anhand einiger von Lotmans Arbeiten, welche beispielsweise die Relevanz literarischer Texte für das Sozialverhalten des russischen Adels oder die Dekabristen beschrieben hatten (ibid.: 383). Diese Nachahmung fremder respektive westlicher Verhaltensweisen begründet die Fruchtbarkeit kultursemiotischer Methoden in Russland:

Cultural semiotics proved so revealing about the Russian past because educated Russians were expected to act according to codes and signs borrowed from the west that made up Russian noble culture. Europeans acted like Europeans because they were Europeans; Russians acted out roles of Europeans because they were not Europeans, but had to resemble them […] (ibid.).

Hierin besteht ein wesentlicher Anknüpfungspunkt zwischen Wortmans eigener und der Arbeit Lotmans (und anderen Mitgliedern der Moskau-Tartuer-Schule). Auch Wortman geht es darum, die Narrative, die hinter bestimmten Verhaltensmustern stecken, zu dechiffrieren. Bei ihm spielt ebenfalls die ambivalente Positionierung Russlands gegenüber Europa und dem eigenen Nationalgefühl eine hervorgehobene Rolle. Es fügt sich stimmig an seine Untersuchung des Zarenreichs an, dass er dieses problematische Verhältnis auch in seinem kurzen wissenschaftsgeschichtlichen Abriss thematisiert. Er verweist auf die Ähnlichkeit der Ansätze zwischen Geertz und der Moskau-Tartuer-Schule. Zu einem wissenschaftlichen Austausch zwischen beiden Lagern kam es jedoch nicht. In gewisser Weise übernimmt der Historiker Wortman diese Fusion nachträglich, indem er die beiden Ansätze zusammenbringt und für seine Arbeit fruchtbar macht. Allerdings bleiben beide Theorien lediglich Impuls für Wortmans Methodik. Letztere ist weniger theoriebasiert oder analytisch. Stattdessen arbeitet Wortman deskriptiv, fügt verschiedene Elemente russischer Repräsentationskultur zu einem geschlossenen Text zusammen, der eine profunde Übersicht über 200 Jahre russisches Zarenreich liefert.

Florian Olbrich

Freie Universität Berlin

florianolbrichberlin@gmail.com

Bibliography

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Geertz, Clifford. 1983. Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a. M.

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Posner, Roland. 1994. “Texte und Kultur.” In Texte verstehen: Konzepte, Methoden, Werkzeuge, edited by Andreas Boehm, Andreas Mengel and Thomas Muhr, 13-31. Konstanz.

Schößler, Franziska. 2006. “Ethnologie, Anthropologie und literarische Anthropologie.” In Literaturwissenschaft als Kulturwissenschaft: eine Einführung, 164-195. Tübingen/Basel.

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Wortman, Richard. 2000. Scenarios of Power: Myth and Ceremony in Russian Monarchy. Volume Two: From Peter the Great to the Abdication of Nicholas II. Princeton.

Wortman, Richard. 2014. Visual Texts, Ceremonial Texts, Texts of Exploration. Boston.

Wortman, Richard. 2008. “Repräsentationen der russischen Monarchie und die Szenarien der Macht.” In Imperiale Herrschaft in der Provinz. Repräsentationen politischer Macht im späten Zarenreich, edited by Jörg Baberowski, David Feest and Christoph Gumb, 38-59. Frankfurt; New York.

Suggested Citation

Olbrich, Florian. 2017. Review: “Richard Wortman: Visual Texts, Ceremonial Texts, Texts of Exploration: Collected Articles on the Representation of Russian Monarchy.” Apparatus. Film, Media and Digital Cultures in Central and Eastern Europe 4. DOI: http://dx.doi.org/10.17892/app.2017.0004.80

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Apparatus. ISSN 2365-7758